Das literarische Gesicht im Werk Heinrich von Kleists und Franz Kafkas

Claudia Vitale, University of Florence

Gesicht, Gesichter, Antlitz und Vision. Das Gesicht Gottes, das trotz des
im Namen angelegten Sehens nicht gesehen, will heißen erblickt werden
darf. Gesichter, Vorgänge, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht,
Visionen, die heimsuchen. Gesicht, woran wir Menschen wieder erkennen,
Spiegel der Persönlichkeit, die einzige Vorstellung, die wir von uns selbst
und unserem Aussehen haben. Gespiegeltes Gesicht, das trügt, ängstigt,
befremdet, erfreut: Quelle des Widerspruchs. «Dämmerndes Gesicht», wie
es in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Das Spiegelbild genannt und
von der sich spiegelnden Person entsetzt zurückgewiesen wird: «Phantom,
du bist nicht meinesgleichen!»

Gesicht, beladen mit Theorien des Sehens, von jeher Zentrum der Physiognomik, Maske der Verstellung und des Todes.
Wie ein Teil das Ganze in sich trägt, wie das Gesicht, dieser beschränkte
Ausschnitt des Körpers den Schlüssel zur Entzifferung eines Werk-Corpus
liefern kann, das zeigt der vorliegende Band von Claudia Vitale. Sie hat
es sich nicht leicht gemacht. Die Wahl zweier hochkarätiger Schriftsteller
der deutschen Literatur wie Kleist und Kafka ist eine Herausforderung;
sie zeugt von Mut, der fast an Anmaßung grenzte, wäre dieser Mut nicht
begleitet und untermauert von Kenntnis, Können und Methode.
Auf dem Hintergrund der klassischen und der modernen Physiognomik wird das Gesicht bei Kleist und Kafka zum Prüfstein und zur zentralen Figur, von der aus ihr Werk neu gelesen und verortet wird.

Das Gesicht, seine sich wandelnde Mimik, die Beweglichkeit seiner
Züge ermöglicht es Kleist, seine Poetik des Enthüllens und Verhüllens,
des Entschleierns und Verschleierns zu fundieren und zu untermauern.
Die Selbstentfremdung des Menschen, die auch die Sprache als Instrument des Logos angesteckt hat und somit als Werkzeug des Enthüllens
unbrauchbar macht, kann durch die widersprüchlichen, geheimen, sich
dem Seziermesser der Psychologie entziehenden Regungen des Mienenspiels dennoch in ihrer ganzen Ambivalenz ausgedrückt werden.

Allen von den unter die Lupe genommenen Protagonisten Kleists von Agnes in Die Familie Schroffenstein zu Adam im Zerbrochenen Krug zum Personal des
Amphitryon, zu Toni und Gustav in der Verlobung von St. Domingo zum
Findling, von Michael Kohlhaas zu Penthesilea wird ihr Geheimnis entrissen, da ihr Gesicht zum Sprachrohr der Enthüllung wird. Eine Bloßstel lung besonderer Art zeitigen die Gesichtszüge der Marquise von O. Was ihre Ohnmacht verhüllt, was ihr Gedächtnis sich preiszugeben weigert, enthüllt ihr sich in rascher Folge abwechselndes Erröten und Erblassen als mimisches Geständnis einer aktiveren Beteiligung am Zustandekommen ihrer Schwangerschaft, als es der übertags liegende Text und viele Interpreten der berühmten Erzählung wahrhaben wollen. Es kann aber auch, das Mienen- und Gliederspiel bei Kleist, einen Hauch noch der paradiesischen Sprache erhaschen, die der Menschheit verloren ging, einen Abglanz nur in Tier und Mensch.

DOI: 10.36253/978–88–6655–054–9

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The University of Florence is an important and influential centre for research and higher training in Italy

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